13. März Die letzten Tage ... 14. März Dieser Bericht in Tagebuchform ist von Pastor Akira Sato geschrieben, dem Pastor der Fukushima First Baptist Church, einer Baptistengemeinde ganz in der Nähe des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi, in der auch der Projektleiter (der Rettungsmaßnahmen am Atomkraftwerk) Mitglied ist. Bitte beten Sie für diese Gemeinde. Der Pastor gab sein Einverständnis zur Übersetzung (von Wolfgang Langhans) und Veröffentlichung auf dieser Internetseite. Liebe Mitglieder von Gemeinden und Pastoren, Preist den Namen unseres Herrn! Ich schätze all eure Gebete und Anteilnahme für uns sehr. Am 11. März zum Zeitpunkt des Erdbebens war ich in Chiba und nahm an der Eröffnungsfeier der Tokyo Christlichen Universität teil. Ich bin immer noch in Chiba, weil die Straßen in solch schlechtem Zustand sind und wegen dem Mangel an Benzin. Ich habe versucht, Kontakt mit den Gemeindegliedern aufzunehmen, die vom Erdbeben getroffen wurden und auch mit Pastor Masashi Sato, um herauszufinden, wie es ihnen geht. Dies war eine dreifache Katastrophe. Wegen des Bebens waren die Häuser einiger Gemeindeglieder teilweise zerstört. Mit den Familien, die in der Nähe der Küste wohnten, konnte ich bisher noch nicht in Kontakt kommen. Der Bahnhof von Tomioka ist von der Tsunami weggespült worden. Die Stadt wurde völlig zerstört. Sie haben schon von dem Unfall bei dem Kernkraftwerk Fukushima Daiichi erfahren. Alle Bewohner wurden evakuiert. Meine Gemeindeglieder mussten in einen Bus steigen ohne irgendwelche Sachen mitnehmen zu können. Sie wurden zu verschiedenen Schulen und Sporthallen gebracht. Es ist schwierig herauszufinden, wie es ihnen geht. Ich hörte, dass es nicht genügend Decken gab für jeden, und einige konnten die ganze Nacht nicht schlafen, weil es in der Unterkunft so kalt war. In einigen Unterkünften wurde den ganzen nächsten Tag kein Wasser und Essen verteilt. Ich mache mir besonders Sorgen um Bruder Suenaga, 95 Jahre alt. Er war im Krankenhaus wegen einer Lungenentzündung, musste aber trotzdem evakuiert werden, ebenso Leute mit Knochenbrüchen, Dialysepatienten, kleine Kinder oder Kinder mit Behinderungen ... Ich habe nun gehört, dass drei Mal am Tag Onigiri (kleine Reisbälle) verteil wurden, jeweils eins pro Mahlzeit. Dennoch kann ich nicht aufhören, mir Sorgen zu machen um die Alten und Kranken. Sie sind gewiß nun völlig erschöpft. Ich bitte euch sehr für sie zu beten. Zudem ist mein größtes Gebetsanliegen, dass nicht noch mehr Radioaktivität austritt. Das schlimmste, was ich mir vorstellen kann, ist, dass die Leute nicht mehr zurück können in ihre Stadt und Häuser, dass die Kirche geschlossen und die missionarische Arbeit in der Gegend eingestellt werden muß. Bitte beten Sie, dass das nicht geschieht. Bitte beten Sie, dass die Leute wieder zurückkehren können in die Stadt und die Türen der Kirche wieder geöffnet werden und wir den Herrn dort wieder loben und preisen können. Der Gottesdienst heute wurde abgesagt, auch eine Taufe und eine Verlobung, die für heute geplant waren. Ich weiß nicht, wie lange die Gemeindeglieder herumirren müssen und nicht nach Hause gehen können. Wenn ich daran denke, fühle ich mich richtig depressiv. Jedoch glaube und bekenne ich, dass unser allmächtiger Gott und Herr der Geschichte, der alles regiert, auch die Natur, eine neue Seite der Mission öffnen  wird und uns leiten. Nach meinem Anruf heute Morgen hat Pastor Keiichi Mori zum Gebet aufgerufen, dafür bin ich sehr dankbar. Über 10 Leute aus unserer Gemeinde sind von ihrer Notunterkunft zur Kirche in Aizu umgezogen. Sie werden dort bleiben. Dafür bin ich sehr dankbar. Andere müssen erst einmal in den Notunterkünften bleiben, in denen sie jetzt sind. Viele Leute haben ihre Hilfe angeboten und auch Geld. Dafür bin ich so dankbar. Meine Botschaft am letzten Sonntag hatte den Titel “Hiskia, ein eindringlicher Beter”. Natürlich hatte ich nicht erwartet, dass so etwas in der folgenden Woche geschehen würde. Als die Zerstörung durch die Assyrer drohte, legte Hiskia einen Sack an, betete und bat auch den Propheten Jesaja um eindringliches Beten, als sie die Krise ihrer Nation über Leben und Tod vor Augen sahen. Darauf hin kehrte der König von Assyrien zurück nach Ninive und wurde von seinem eigenen Sohn getötet. Bevor Hiskia es recht wußte, war die Krise schon vorüber. Wir wurden daran erinnert, dass der Gott der Geschichte in wunderbarer Weise arbeitet. Nie hätte ich gedacht, dass ich nun auch um solch dringliches Gebet bitten muß wie Hiskia, und dass wir verstreut in den verschiedenen Unterkünften Gottes Wort lesen würden. Noch einmal bitte ich Sie um Ihre eindringliche Fürbitte, dass unsere Gemeinde diese Krise übersteht und die Missionsarbeit nicht aufgehalten wird, ja, dass sie zu neuem Leben erwacht und dass das Entweichen der Radioaktivität gestoppt wird. Wir haben mit 150 Gemeindegliedern Kontakt aufnehmen können. Sie sind in Sicherheit! Halleluja! Eine Schwester erzählte mir, dass die Wellen sie erreichten, sie aber schwimmen und sich in Sicherheit bringen konnte. Meine Augen füllen sich mit Tränen, während ich die Gemeindeglieder anrufe - aber mit 50 bis 60 haben wir noch keinen Kontakt aufnehmen können. Als wir nach Yonezawa fuhren, kauften wir unterwegs einiges ein. Ich hörte, wie andere Kunden sagten: “Er kauft so viel aus Panik!”, fühlte mich aber nicht danach, mich zu verteidigen. Busse brachten uns zu den Notunterkünften. Eine davon ist recht angenehm mit „Onsen“ (heißen Quellen) in der Nähe und auch einigen Geschäften. Die andere Unterkunft hat keine Heizung und sehr wenig Essen. Um uns vor Kälte zu schützen, kaufte ich viele warme Socken. An einem Handy Geschäft fragte ich nach einem Aufladegerät und einigen extra Kabeln. Die Leute dort waren sehr verständnisvoll und ermutigend, es bewegte mich sehr. Wenn ich in den Nachrichten von Rettungsteams aus dem Ausland höre, dann bewegt es mich, dass mir die Tränen kommen. I n zwei Stunden, also nach Mitternacht, werden wir losfahren um nicht in einen Stau zu kommen. 16. März Wir fuhren mit zwei Lastwagen und hielten unterwegs um ca. 1 Uhr nachts an verschiedenen Geschäften (24 Stunden Läden, die es hier in Japan viel gibt) und kauften, was immer zu haben war. Um 11 Uhr  kamen wir dann in der Gemeinde in Aizu an - eine 10 Stunden Fahrt von Chiba. Hier in Aizu werden wir eine Weile bleiben. Etwa 60 unserer Gemeindeglieder wohnen in der Nähe des Fukushima Kernkraftwerks. Sie mussten Strahlungskontrollen über sich ergehen lassen. Am Nachmittag kamen wir zusammen zu einer gemeinsamen Zeit der Anbetung. Ich konnte Leute schluchzen hören und sah, dass sie eine schwere Zeit durchgemacht haben. Am Abend ging ich in das nahegelegene „Onsen“ (heiße Bad). Was für eine Erholung, nach 5 Tagen endlich wieder baden und im heißen Wasser entspannen. Die Leute sind so glücklich, einander wieder zu sehen, es bringt mich zum Weinen. Unser Leben als Nomaden hat begonnen. Wenn ich die Leute frage, ob sie Wäsche haben, antworten sie, dass sie keine Kleider zum Waschen haben. Sie haben nur das, was sie auf dem Leib tragen. Nun brauchen wir Benzin und einen Platz, wo wir bleiben können. 60 von uns entscheiden sich, in den Norden nach Yamanaga zu gehen in der Hoffnung, dort längerfristig bleiben zu können. Alles liegt im Ungewissen. Werden wir wieder nach Hause gehen können? Wenn ja, wann wird das sein? Werden wir je wieder in unserer Gemeinde Gottesdienst feiern können? Oder wird die Stadt einfach verlassen bleiben? Wie die Israeliten in der Wüste können wir nur einfach Gott folgen, Er wird uns leiten mit einer Feuer- und Wolkensäule. Psalm 121 1 Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen . Woher kommt mir Hilfe? 2 Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. 3 Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht, 4 Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht. 5 Der Herr behütet dich; der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand, 6 dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts. 7 Der Herr behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele 8 Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit. 18. März Ich fühle mich getragen durch die Gebete unsere Freunde. Wenn den Leuten hier zuhöre, sehe ich, dass jeder von ihnen durch Feuer und Tsunami gegangen ist. Ein Gemeindeglied, um den ich besorgt war, meldete sich gestern. Er bekam einen Herzinfarkt gleich nach dem Erdbeben. Wenn er nicht 30 Minuten später eine Notoperation gehabt hätte, wäre er gestorben. Er war so dankbar, dass Gott ihn gerettet hat. Eine unsere Frauen kam mit dem Leben davon, weil sie für eine Kollegin in der Arbeit eingesprungen war. Später beim Autofahren waren die Straßen in einem furchtbaren Zustand. Sie nahm einige Leute mit, die um ihr Leben liefen und einer von ihnen sagte ihr, wie man in dieser Situation fahren muss. Viele Autos steckten in Rissen in der Straße fest. Sie selbst kam wohlbehalten in einer Notunterkunft an, fuhr dann weiter zu einer anderen und ist nun bei Verwandten. Das erstaunlichste für mich ist, dass niemand mich fragt: “Warum läßt Gott das zu?” oder “Ich kann nicht an Gott glauben, es gibt keinen Gott.” Von allen 160 Gemeindegliedern, mit denen ich in Verbindung bin, höre ich immer wieder Worte wie “Gott ist groß! Ich möchte Ihm vertrauen und mit Ihm von nun an leben.” Ich bin bewegt im Blick auf die Stärke ihres Glaubens an den Herrn Jesus. Gestern haben 3 Leute, die mit uns unterwgs sind, gebetet, um Jesus in ihr Herz aufzunehmen. Halleluja! Vor zwei Tagen, als wir von Fukushima nach Yamagata zogen, entschieden sich einige bei ihren Freunden und Familie zu bleiben. Ich war wieder sehr bewegt, denn ich musste denken, dass wir sie vielleicht nie wiedersehen werden. Es ist sehr traurig, sich von Gliedern der Familie Gottes zu verabschieden. Gestern fuhren wir mit 12 Autos durch einen Schneesturm zum nächsten Ort. Das Gemeindehaus und Gelände hier in Yonezawa waren mit Schnee bedeckt. In dieser Kälte begrüßten uns die Geschwister dort mit heißer  Nudelsuppe. Ich aß einen Reisball und versuchte nicht zu weinen. “Herr, mach unsere Herzen so weiß wie der Schnee um uns herum!” Werden wir nun Diaspora Leute? Werden wir wieder zu einem geordneten Leben kommen? Eins ist sicher, Gott erschüttert alles durch diese außergewöhnlichen Ereignisse. Einige nehmen Jesus an. Andere tun Buße und sagen, dass ihr Glaube an Gott nicht lebendig war. Sie sagen, dass das, was man zum Leben braucht, eingentlich sehr wenig ist. Wir brauchen nicht viel materiellen Besitz. Der Herr fordert jeden einzelnen heraus, rüttelt sie auf vom Grund ihre Seele. Ist dies der Beginn eines Auszugs in neue Gebiete, die der Herr für uns öffnet? 19. März Dritter Tag in Yonezawa. Ich bin so dankbar für die Gebete und die Unterstützung durch unsere Brüder und Schwestern. Menschen um mich herum sagen, sie verließen ihre Häuser mit dem Gedanken, es sei nur für ein oder zwei Stunden. Sie brachten sozusagen nichts mit sich. Geschwister aus ganz Japan versorgen uns mit Essen und Kleidern. Ich fühle mich wie Elia, versorgt von Gott mit Essen, durch Raben gebracht. Unsere Gruppe von 50 Leuten ist gut versorgt durch hilfreiche Spenden. Viele von uns sind müde und sind schon beim Arzt gewesen, auch ich hatte Fieber. Gestern hatte ich mein Handy in der Hand, konnte mich aber nicht erinnern, was ich hatte machen wollen. Ich fühlte mich wie betäubt. Mein Herz schmerzte. Zwei oder drei Schichten von Verlust schlugen über mir zusammen. Mein Haus war weg  und meine Kirche! Von meiner Stadt bin ich vertrieben worden! Mein Dienst als Pastor ist weg! Ich kann nicht erkennen, was als nächstes geschehen wird. Ich versuche die ganze Lage zu begreifen, merke aber, dass ich es nicht schaffe. Unsere Gemeinde wurde durch einen amerikanischen Missionar gegründet, lange bevor das Kernkraftwerk gebaut wurde. „Fukushima First“ (Erste) war der Name, den der Missionar ihr gab, weil das so die Gepflogenheit in seiner Heimat war. Das Kernkraftwerk hat den selben Namen (Anmerkung Langhans: Dai Ichi bedeutet Erste), also Erste Baptistengemeinde und Erstes Kernkraftwerk. Es gibt noch ein zweites Fukushima Kernkraftwerk etwas weiter entfernt), aber unsere Gemeinde wurde zuerst so benannt. Vor zwei Tagen wurde ein Bruder, der am Kernkraftwerk arbeitet, aber bei uns war, zurückgerufen an die Arbeit. Wir beteten zusammen mit seiner Familie und verabschiedeten ihn. Andere Gemeindeglieder arbeiten auch dort und riskieren ihr Leben. “Herr, bitte beschütze sie mit deiner allmächtigen Hand”. In 1 Chronik 4,10 lesen wir “Und Jabez rief den Gott Israels an und sprach: Ach, dass du mich segnetest und mein Gebiet mehrtest und deine Hand mit mir wäre und schaffest, dass mich kein Übel bekümmere! Und Gott ließ kommen, worum er bat.” 21. März Wir feierten gestern  Gottesdienst, den ersten in zwei Wochen. Die Yonezawa Gemeinde ließ uns ihre Musikinstrumente benutzen, PA und Video Ausrüstung. Ich weinte und gab dem Gottesdienstleiter (unserem zweiten Pastor) die Schuld, dem auch die Tränen über die Wangen liefen! Es scheint, dass wenn du weinen musst, dann solltest du es tun ohne verlegen zu sein. Ich möchte die Tränen von 50 Jahren oder einem ganzen Leben weinen! Mit 50 Menschen zusammenzuleben, mit ihnen zu kochen, essen und schlafen ist sehr ungewöhnlich. 10 Tage sind nun seit dem Erdbeben vergangen und ich kann nicht mehr sagen, was normal ist und was nicht. Ich versuche es zu akzeptieren und einfach mitzumachen.  Vielleicht  kann ich so meine inneren Batterien wieder aufladen für die Tage, die noch vor uns liegen. Jesaja 42,3: “Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.” Möge der Große Hirte seine Herde in die Arme nehmen und sie tragen auf Seinen Flügeln! 23. März Ich nahm mir Montag frei und ruhte mich etwas aus. Am Abend gingen wir gemeinsam aus Essen, das erste und wahrscheinlich auch letzte Mal während wir hier in dieser Notunterkunft sind. Die Kinder bekamen umsonst Süßigkeiten im Restaurant und die Erwachsenen schauten lächelnd zu. Ich konnte nicht anders, als diese Szene “Glücklich sein” zu nennen. Wir besitzen nun so etwas wie einen “Katastrophenopfer-Pass”. Wenn ich zum Beispiel beim Kartenschalter eines „Onsen“ (Heißen Bades) sage “Schön haben Sie’s hier! Übrigens, ich habe das Erdbeben und den Tsunami überlebt“, dann bekomme ich 50% Ermäßigung. Es würde nicht klappen, wenn du dich als Überlebender ausgibst und es nicht bist. Da ist etwas, das nur ein echter Überlebender rüberbringen kann. Gestern arbeitete ich an meinem Tagesplan. Nach dem Frühstück und Saubermachen haben wir Andacht von 9:30. Neben einer Zeit des Austauschs und Gebets haben wir ist eine Bibelarbeit. Ab 10:30 gibt es etwas Sport und Spiele und Zeit zum Erholen. Vielen Leuten geht es nicht gut. Wir müssen sehen, dass wir bei Kräften bleiben. Danach haben die Kinder Zeit zum Lernen bis zum späten Nachmittag. Es ist wie eine kleine Schule in den Bergen. Der 11. März, der Tag des Erdbebens und der Tsunami, war mein 54. Geburtstag. Gestern erhielt ich ein Geburtstagsgeschenk - ein Paar Hausschuhe, die jemand für 2 Euro gekauft hatte. Normalerweise erwähnt man ja nicht den Preis, aber das ist jetzt anders. Sie sind so viel mehr wert. Sie sind zu gut für mich, darum hebe ich sie in meinem Beutel auf. Heute während der Andacht hatten wir eine kleine Abschlußfeier für die Kinder, die den Kindergarten und die Grundschule abgeschlossen haben. (In Japan endet das Schuljahr Ende März!) Ich mußte meine Tränen abwischen, damit ich als Pastor die Feier recht leiten konnte. Ein Telefonanruf von Korea erreichte mich: “Wir schauen uns die Nachrichten an und sind erstaunt und bewegt, wie die Japaner  mit der Situation fertig werden, wie sie sich geordnet anstellen fürs Essen und nicht darum kämpfen.“ Wenn das so ist, dann sind wir vielleicht eine Gemeinde, die der Herr in Fukushima gegründet hat vor der Ankunft des Kernkraftwerkes und die nun durch diese Not gestärkt wird, um widerstehen zu können. Ich erinnere mich, wie sehr ich bewegt war, als ich das Buch las von Ernest Gordon “Through the Valley of the Kwai”. Während des 2. Weltkrieges wurden die Kriegsgefangenen im Lager in Thailand von den japanischen Soldaten mißhandelt und unter dem starkem Druck behandelten sie auch einander in schrecklicher Weise. Als sie jedoch anfingen, gemeinsam im Neuen Testament zu lesen, begannen sie sich zu ändern. Die Schwachen wurden ermutigt. Sie begannen das wenige Essen, das sie hatten, miteinander zu teilen. Einer gab sein Leben für den anderen. Nach dem Krieg gab es Vergeltungsschläge gegen die Japaner in anderen Lagern, nicht aber in diesem Lager. Wegen dieser Erfahrung wurde Ernest Gordon später Pastor. Man sah, was in diesem Lager geschah war richtige Gemeinde, wo Christus an der Arbeit war. Wenn Gott diese Kriegsgefangenen für Seine Absicht benutzen konnte, dann hat er vielleicht auch uns für einen bestimmten Zweck ausgesucht. Ich erhielt heute eine gute Nachricht. Der „Wort des Lebens“ Buchverlag rief an und teilte mir mit, dass mein Buch “Gott ist am Wirken, in guten wie in schlechten Zeiten” gedruckt wurde. Wer hätte gedacht, das solch eine Katastrophe geschehen würde gerade zu der Zeit dieser Publikation? Es scheint, als ob mein eigenes Buch mich ermutigt, voran zu gehen. 24. März In unserer Andacht heute Morgen über Matthäus 5 haben wir gelernt, dass Jesus uns beruft, Licht der Welt und Salz der Erde zu sein. Manche sagen, dass dieses Erdbeben der Anfang einer Zeit der Drangsal sei. Es gibt keinen Zweifel, dass dies eine Zeit der Prüfung ist. Vielleicht müssen wir durchgerüttelt werden oder durchs Feuer gehen, damit das Salz seine Salzkraft zurückgewinnt. Wir lesen in Hebräer 12,5 “Achte nicht gering die Erziehung des Herrn und verzage nicht.” Ich möchte dieses Erleben als Gottes Erziehung annehmen, so wie Eltern, die ihre Kinder lieben, sie strafen. Bei Schneewetter hatten wir gestern die Abschlußfeier für unsere Kindergarten- und Grundschulkinder. Alle waren am Weinen. Es scheint unmöglich, unser Weinen zu unterdrücken. Wir machten ein Gruppenphoto, nachdem wir das Lied gesungen hatten, das wir immer bei Abschlußfeiern singen. Ich schrieb dazu noch diesen zweiten Vers, der ausdrückt, was ich gerade fühle: Wie die Zeit eilt, ich kann es kaum glauben, wie schnell die Momente vorbei gegangen sind. Die kostbaren Jahre sind gekommen und zu schnell wieder gegangen, hier mit dir. Ich habe von dir gelernt in der richtigen Weise das zu tun, was getan werden muss. Nun ist es an der Zeit, Aufwiedersehen zu sagen, mit einem für immer dankbaren Herzen. Selbst in dieser Notunterkunft haben wir als Familie Gottes einen gesegneten Tag. Wie gut ist es, eure kleinen Hände zu sehen. Möge unser Herr euch segnen jetzt, wo ihr eine neue Phase eurer Reise beginnt. Ich hoffe, dass auch wir eine Abschlußfeier von dieser Katastrophe haben werden, und wir dann hören, wie Gott zu uns sagt: “Gut gemacht, ihr treuen Diener.” Es schneit. Ich fühle, wie neue Kraft in mir hochsteigt. Wie der Winter in den Frühling übergeht, so hat Gott auch einen Plan für uns vorbereitet zur Wiederherstellung. Seit dem Erdbeben leben wir von Essen, das uns geschickt wird aus ganz Japan durch das Wohlwollen der Leute. Obwohl wir kein Fleisch hatten, ist doch das Essen aus Dosen abwechslungsreich. Wir sind gesund und ich fühle eine Auferstehungskraft in mir. Ich fühle mich gesegnet und gestärkt durch das, was Leute uns geben. Ich fühle, dass der Herr unsere Gemeinde erwählt hat – erwählt, in der Nähe des Kernkraftwerkes zu sein; und er plante, dass ich der Pastor sein sollte, der dieses Erdbeben erlebte. Morgen werde ich zu Treffen nach Tokio und Yokohama gehen, die schon vorher geplant waren. Ich möchte außerdem meine Gemeindeglieder besuchen, die verstreut an verschiedenen Orten untergebracht sind. Einige haben schon am Telefon mit mir gesprochen, “Am meisten bin ich traurig, dass ich meine Gemeinde verloren habe.” Schon wieder kommen mir die Tränen, obwohl ich mir vorgenommen hatte nicht zu weinen. Ich will mich nicht geschlagen geben. Ich werde nicht aufgeben. Ich sage das zu mir selbst. Ich werde meine Arche verlassen, aber ich werde wiederkommen. Mein Herr, der nicht schläft noch schlummert, segne diese Herde während ich fort bin. Umgib auch jeden, der verstreut ist und hab Erbarmen. 25. März Ich bin dankbar für Ihre Gebete. Es gibt Vorteile beim Wohnen in einem Notlager. Ich habe immer gesagt, ich würde auf Diät gehen, aber nun habe ich an Gewicht verloren. Andere jedoch haben zugenommen. Im Scherz sage ich: “Deine Lebenskraft ist erstaunlich, du kannst jede Katastrophe überleben.” Jeder lacht. Ich habe ein paar weitere Besitztümer dazubekommen. Jeden Tag kommen Kleider an. Einige davon sind ganz neu. In einem Kleidergeschäft in der Nähe können wir uns nehmen was wir möchten – umsonst! Manche sagen, dass sie nun besser essen als zuhause. Sogar mitten in tiefer Traurigkeit können wir lachen. Ich muss oft an Jesus denken, der Traurigkeit kannte und dem Schmerz vertraut war. Er wurde Mensch, kam in eine Welt der Dunkelheit, teilte Freude und Schmerz mit uns und erlebte Glück und Traurigkeit. Ich suche nach diesem Retter in meinem Herzen. Diese Straße, die wir gehen, ist vielleicht eine von Jesus geführt, eine, die Seine Frohe Botschaft reflektiert. “Jede Straße führt nach Rom”. Jesus ist mit uns auf der Reise. Last uns mit Ihm gehen. 29. März Vor 4 Tagen, am Freitag den 25. März, verließen meine Frau und ich die “Arche” in Yonezawa und zogen Richtung Süden. Auf dem Weg besuchten wir ein Mitglied unserer Gemeinde im Krankenhaus, der wegen einer Notbehandlung dort war. Ich bat einen unserer Gemeindemitarbeiter bei ihm zu bleiben und zog weiter zu meinem Schwiegersohn. Es war kein Zufall, dass wir von diesem Gemeindeglied hörten, gerade als wir nach Yokohama gehen wollten, und dass das Krankenhaus gerade auf dem Weg lag. Seit dem Tag, als die Katastrophe zuschlug, ist mir so stark Gottes Hand in unserem Leben bewußt. Ich bin mir nicht sicher, ob es daher kommt, dass wir sensibeler geworden sind gegenüber Gottes Führung oder weil unser Leben so bis auf’s Allernotwendigste reduziert wurde, dass wir gezwungen sind zu sehen, was wir vorher nicht sahen. Dies ist eine der Segnungen, die wir durch diese Katastrophe erfahren. Der Tagesplan der Gemeinde und mein eigener existieren nicht mehr. Nun bestimmt der Herr den täglichen Ablauf. Es scheint, dass wenn irdische Dinge bis in die Grundfesten erschüttert werden, uns der Herr auf seine eigene Weise führt. Jetzt wo er uns führt, möchte ich mit ihm gehen, ohne mich dagegen aufzulehnen, und diese Welt genießen, die Er für uns bereitet hat. Als wir in Yokohama ankamen, merkten wir, dass Leute uns besonders behandelten, weil wir von der “Arche” kamen. Wir sind eine Gruppe von Gläubigen, von unsern Häusern vertrieben. Sie brachten uns in einem Hotel unter. Nachdem wir zwei Wochen lang mit vielen anderen in einer großen Halle geschlafen hatten, dann in der Wohnung meines Schwiegersohnes, sind wir nun in einem Hotel untergebracht. Ich fühle mich schlecht wegen denen, die wir in der “Arche” zurückgelassen haben, aber gleichzeitig fühle ich mich wie ein König. Meine Unterbringung hat sich enorm verbessert! Wenn wir in den Himmel kommen, wird der Herr uns noch millionen Mal besser behandeln. Am Montag, den 28. März zogen wir nach Tokyo und trafen meinen Verleger und Leute, die bei den Rettungsarbeiten involviert sind. Ich sprach in einer Versammlung und berichtete über unser Leben seit dem Erdbeben. Ich merkte, wie ich leidenschaftlich darüber berichtete, ganz eigenartig bewegt. Von der “Arche” in die große Stadt zu kommen, ist wie in eine andere Welt zu kommen. Wahrscheinlich kann ich emotional diese beiden Welten nicht auseinander halten. Die Atmosphäre in Tokio ist bedrückend. Es scheint, als ob alles am Weinen ist. Meine Frau sagt, dass sie das Essen nicht richtig genießen kann, obwohl es so lecker ist. Wir beide empfinden sehr stark, dass wir Opfer der Katastrophe sind. Dinge scheinen auf den Kopf gestellt worden zu sein. Dies wird wohl für die absehbare Zukunft so weitergehen. Meine Frau hat seit über 20 Jahren immer wieder denselben Traum geträumt. Mitglieder unserer Gemeinde waren als Gruppe viele Tage unterwegs an verschiedenen Orten. Sie hatte diesen Traum so oft, dass sie ihn schlussendlich niederschrieb. Ich sagte hin und wieder zu ihr, dass dieser Traum irgend etwas für unsere Gemeinde zu bedeuten habe. Nun weiß ich, dass es wirklich so war. Es ist eine déjà vu Situation – wir ziehen umher wie in ihrem Traum. Gott gab uns dieses Bild, das uns vertraut wurde, so dass wir jetzt nicht furchtsam oder verzagt sind. Es ist fast so wie in der frühen Christenheit, als die Christen trotz Verfolgung und Verstreuung das Evangelium weitergaben. Wir sind von unserm Zuhause vertrieben, die Kirchentür ist geschlossen. Ich glaube, dass der Herr uns dieses bekannte Bild in unsere Gedanken und Herzen gab, damit wir in dieser harten Versuchung nicht zerbrechen. Ich merke, dass ich oft an die Zeit der ersten Christen denke. Sie mussten wegen Verfolgung aus Jerusalem wegziehen. Wie sind sie gereist - einzeln, oder als Familien? Vielleicht ist es ein Segen, dass ich mich in den Geschichten der Bíbel verlieren kann. Wegen der Situation, in der wir sind, haben sie für mich eine neue Realität angenommen. “Gott ist treu, der euch nicht versuchen läßt über eure Kraft.” (1. Kor. 10,13). Andere sind auch den Weg gegangen, den wir jetzt gehen, geführt vom Herrn. Für uns mag er überraschend sein, aber Er kennt ihn. Uns ist, als ob wir im Zentrum eines Strudels sind, aber wenn wir uns nahe bei Jesus halten auf diesem Weg, den auch andere gegangen sind, wird er es uns vielleicht eines Tages schenken, auf dem Wasser zu gehen. Wenn ich vor dem Spiegel stehe, sehe ich dass ich mehr graue Haare habe. Das Gewicht, das ich verloren habe, ist nicht zurückgekehrt, obwohl ich nun gut esse. Von den 50 Gemeindegliedern haben 9 eine Arbeit angenommen, die ich ihnen vermitteln konnte. Wir haben immer noch keine Information darüber, wie viele Leute starben oder vermißt werden in dem Teil von Fukushima, wo unsere Gemeinde war. Aus Furcht vor der radioaktiven Strahlung ist die Uhr dort am 11. März stehengeblieben. Alle sind physisch und emotional müde. Die Orte sind zu Geisterstädten geworden und wir hören Gerüchte über Einbrüche dort. Wir haben daraufhin gleich unsere Bank- und Postkonten gekündigt. Auch Gas, Elektrizität und Telefon bestellten wir ab. Herr, wir mußten alles verlassen und ausziehen. Bitte bewahre uns vor denen, die von uns stehlen wollen. Gib uns ein Zeichen, wann wir wieder zurückkehren können und unsere Häuser in Ordnung bringen, unsere Städte und Kirchen. Hilf und bewahre die Arbeiter und Glieder unserer Gemeinde, die sich abmühen und versuchen, die Probleme am Kernkraftwerk zu lösen. Ich frage mich, wievielen Gemeinden und Einzelnen ich zu danken habe, wenn diese Situation gelöst ist. Die Zahl wächst von Tag zu Tag wie Sterne am Himmel. Mein Leben wird zu kurz sein, um allen zu danken, wenn alles wieder in Ordnung gekommen ist. Nach der Katastrophe umgab mich Leid, aber ich bin überwältigt von der Gnade Gottes, die das Leiden überwindet. “Du schenkest mir voll ein.” Psalm 23,6. Hier gehts zu Teil 2 Hier gehts zu Teil 2