Langhans Aktuell Vom japanischen Gangster zum baptischen Priester Die wundersame, nachhaltige und vollständige Bekehrung des Hiroyuki Suzuki - Von Henrik Bork Tokio – „Weil du in meinen Augen teuer und wertvoll bist und weil ich dich liebe, gebe ich für dich ganze Länder und für dein Leben ganze Völker.“ Wie er das so vorliest aus seiner dicken, schwarzen Bibel, selbst ganz in Schwarz gekleidet, und wie er dann den Blick hebt, aus seinen dunkelbraunen Augen ruhig und offen geradeaus blickt, in solchen Momenten wirkt er, als sei er schon immer Pfarrer gewesen. Pfarrer Hiroyuki Suzuki, geboren im Jahre des Herrn 1955 irgendwo in Japan, jetzt Vorsteher einer kleinen protestantischen Gemeinde der Pfingstbewegung in Funabashi bei Tokio. „Jesaja, Kapitel 43, Vers 4“, sagt er und schlägt die Bibel zu. Dabei sind seine Hände zu sehen, und die verraten etwas mehr über ihn als sein Gesicht, wie bei so vielen Menschen. Die kleinen Finger beider Hände sind zu kurz. Da fehlt ein Stück, links und rechts, jeweils ein Fingerglied ist abgetrennt. Dies sind die Hände eines Yakuza, eines japanischen Gangsters, jeder weiß das hier in Japan. Es genügt, so eine Hand auf einen Ladentisch zu legen, und die Verkäuferin beginnt zu zittern. Nur die Yakuza hacken sich auf diese Art die kleinen Finger ab, als Sühne für einen Fehler, als Geste der Unterwerfung gegenüber ihrem Boss. Hiroyuki Suzuki war Gangster, bevor er Pfarrer wurde. Und wer dieser Wandlung nachspürt, dieser durchaus hollywoodreifen Umkehr von Gut und Böse, dieser wundersamen, nachhaltigen und vollständigen Bekehrung, die selbst aus der Bibel stammen könnte, dem liest Pfarrer Suzuki einfach Jesaja vor, Kapitel 43, Vers 4. Mitten ins Herz getroffen habe ihn dieser Satz damals, sagt er. Damals, als ihn das Glück plötzlich verlassen hatte, als ihn die anderen Gangster jagten, weil er beim Pokern und Würfeln Millionenschulden angehäuft hatte, als Schluss war mit den Partys, den zehn Geliebten und der diamantbehängten Ehefrau. Als er sich in eine kleine Kirche in Shinjuku im Zentrum Tokios geflüchtet hatte und nicht mehr daran glaubte, irgendetwas wert zu sein, für irgendwen. Und dann las er diesen Satz aus der Bibel: „Weil ich dich liebe . . .“ Wenn es einen Diener Gottes gibt, der etwas vom Satan versteht, dann ist es Suzuki. Zwölf Jahre lang war er Mitglied der Sakaume-gumi, einer berüchtigten Yakuza-Bande in Osaka. Er herrschte über illegale Spielhöllen und eine eigene Schlägerbande, langte aber auch schon mal selbst zu. „Einer der Männer, die ich verprügelt habe, war drei Tage lang bewusstlos. Ich hatte Glück, dass er nicht gestorben ist“, sagt der Pfarrer. Seine Frau, damals eine koreanische Bar-Hostesse, verdrosch er eines Abends so brutal, dass er sich dabei „die geballte Faust brach“. Verglichen damit klingt die Geschichte, die ihn das erste Stück kleiner Finger kostete, beinahe harmlos. Im Büro seines Yakuza-Bosses hatte das Telefon geklingelt und der damals erst 18-jährige Suzuki hatte abgehoben. Eine Frauenstimme hatte sich gemeldet. Ob da die „Ne-san aus Osaka“ sei, hatte Suzuki gefragt. „Ne-san“ oder Schwester ist die höfliche Anrede für die vielen Geliebten des Bosses. Es war aber die Ne-san aus Sakuragawa, die bis dahin noch nichts von ihrer Konkurrenz gewusst hatte, und sie war nicht erfreut. Pfarrer Suzuki legt die Bibel zur Seite und zeigt, wie er sich damals selbst bestrafen musste. Er setzt die scharfe Klinge eines imaginären Meißels auf den kleinen Finger der linken Hand, hält das Werkzeug mit Daumen und Zeigefinger derselben Hand aufrecht und schlägt mit dem Hammer in der rechten zu. Die Erfahrungen helfen Pfarrer Suzuki heute bei der Arbeit, besonders wenn er japanische Gefängnisse besucht. Die Insassen spüren schnell, dass er weiß, wovon er spricht. Schließlich hat Suzuki selbst drei Jahre eingesessen, unter anderem im Knast von Nara, wo es im Winter in der ungeheizten Zelle so kalt war, dass seine Finger klamm- und steiffroren und er beim Lesen „mit der Zunge umblättern“ musste. Der Pfarrer scheut sich auch nicht, auf der Kanzel seinen Pullover auszuziehen und seine Yakuza-Tätowierungen zu zeigen, wenn es denn bloß hilft, das Eis zu brechen. Blau-schwarze Karpfen zieren beide Oberarme und zwei Fabelwesen schlängeln sich über Brust und Schultern des Predigers, die Gemeinde daran erinnernd, dass da einer weiß, wovon er spricht. „Ich kenne die Welt der Sünde, die voller Vergnügungen ist, aber auch voller Angst“, sagt Suzuki. „Die Sprache der Bibel klingt in meinen Ohren sehr real.“ Tour durch die Gefängnisse Sieben ehemalige Gangster-Kollegen hat Suzuki inzwischen auf den Pfad der Tugend geholt und sie am baptistischen „Zentralen Bibelkolleg“ in Tokio zu Männern Gottes umschulen lassen. „Mission Barabbas“ nennen sich die acht, nach dem Mörder, den Pontius Pilatus anstelle von Jesus begnadigte, kurz vor der Kreuzigung. Gemeinsam touren die acht Ex-Yakuza durch die Gefängnisse Japans, mit beachtlichem Erfolg. Hunderte von Ex-Gefangenen halten auch nach ihrer Entlassung Kontakt und bitten die Pfarrer bei Besuchen oder in Briefen um Rat. „Ich erzähle den Gefangenen gerne von meiner Vergangenheit“, sagt Suzuki. „Es ist sehr wichtig für sie zu hören, dass sie noch einmal neu anfangen können.“ Die achtköpfige „Mission Barabbas“ predigt nicht nur, sie lebt diesen Neuanfang vor. Und so absolut, wie der Wandel vom Yakuza zum Prediger zunächst erscheine, sei der gar nicht, sagt Suzuki. „Es gibt erstaunlich viele Ähnlichkeiten zwischen meinem Leben als Gangster und dem Leben in der Kirche“, sagt der Pfarrer. „Es gibt hier wie bei den Yakuza ein Blutsband, auch wenn kein echtes Blut fließt, sondern symbolisch das Blut Jesu. Auch hier gibt es eine Hierarchie. Und auch hier nennen wir uns wieder Brüder und Schwestern“, sagt Suzuki. In Funabashi, einer Schlafstadt vor den Toren Tokios, hat Suzuki ein Grundstück gemietet und ein paar Container draufgestellt, die er mit einem Kreuz und ein paar Stühlen in eine protestantische Kirche verwandelt hat. Nicht mehr als rund zwei Prozent der Japaner bekennen sich zum Christentum, die Mehrheit betet in buddhistischen Tempeln oder im Shinto-Schrein. Pfarrer Suzukis Gemeinde aber zieht neben ehrbaren Bürgern aus der Nachbarschaft eine ganz besondere Minderheit an, die sich in jedem anderen Gotteshaus oder Tempel fremd fühlen dürfte: Ehemalige Gangster, Prostituierte, Stripperinnen, kleine Straßengauner und Drogensüchtige kommen Sonntags zum Gottesdienst. „Diese Leute haben von mir gehört und finden es ein wenig einfacher, in meine Kirche zu kommen als in andere“, sagt Suzuki. Da sitzen sie dann andächtig vereint, all die armen Sünder, und lauschen Suzukis unorthodoxer, aber von Herzen kommender Lehre. „Ich hatte schon einmal im Leben einen Boss, den „Oyabun“ meiner Yakuza-Bande“, predigt er. „Doch dieser Boss verlangte von mir, dass ich ihm notfalls mein Leben schenke. Nun habe ich einen besseren Boss gefunden. Der opfert das Leben seines eigenen Sohnes, um uns zu retten.“